Chile

04.04. – 04.05.22  Chiloe, Puerto Montt, Valdivia

Weiter geht´s! Wir verlassen Castro und finden wieder ruhigere Buchten rund um die Insel Chiloe. Ganz einsam wird es nicht mehr, vor allem die Dichte der Austern- und Lachsfarmen nimmt bedenklich zu. Wir ziehen im Slalom um selbige und erfreuen uns an Seelöwen, die – wie auch immer- auf die Begrenzungsbojen gerobbt sind und dort Siesta halten.

Im Norden der Insel Chiloe treffen wir dann unseren lieben Freund Sebastien wieder, der hier ein großes wunderschönes Anwesen hat. Wir verbringen ein paar Tage gemeinsam und genießen die Annehmlichkeiten eines Luxushotels.

Außerdem lernen wir seinen Freundeskreis kennen. Carlos hatte zu einem Grillabend eingeladen und hier treffen wir zum Beispiel auf Rudolfo, welcher dank dem Besuch einer der privaten deutschen Schulen perfekt deutsch spricht. Shari und Vaughan kommen ursprünglich aus Neuseeland, hatten aber viele Jahre eine Farm auf Chiloe. Jetzt haben sie alles verkauft und ein Segelboot per Internet in Französisch-Polynesien erworben. Ohne Segelerfahrung und ohne das Boot je in natura gesehen zu haben, werden sie jetzt ihr Leben komplett ändern. Respekt!

Irgendwann bringen wir das Gesprächsthema auf die gegenwärtige Politik des Landes wie auch die chilenische Vergangenheit. Man hatte uns immer gewarnt, über solche Dinge hier zu sprechen, da man in Chile schnell in Fettnäpfchen tritt. Aber hier, bei diesen so sympathischen Menschen?

Wir sind erstaunt, wie negativ zum Beispiel die gegenwärtige linksgerichtete Politik des neuen, fast jugendlichen Präsidenten Boric gesehen wird. Aus unserer Sicht erachteten wir es als normal, dass man sich über das Ende der eher rechten (und nach unseren Informationen), korrupten alten Regierung freut. Dem ist nicht so! Angst vor neuen Steuern, Angst vor einem Linksruck wie unter Präsident Salvador Allende und Angst vor Chaos besteht einheitlich bei allen Chilenen dieses Abends. Das Thema Pinochet lassen wir dann doch lieber gleich weg. Nie haben wir in den (zugegebenermaßen wenigen) besuchten Städten Plätze der Erinnerung und Mahnung an diese furchtbare Zeit der Militärdiktatur gefunden. Vermutlich werden erst spätere Generationen einen Standpunkt hierzu klar einnehmen können.

Trotzdem war es ein wunderbarer Abend. Wir freuen uns wieder einmal über das ehrliche Interesse an fremden Menschen (wie z.B. wir) und staunen über die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Chilenen.  

Dann aber ist nun endlich Puerto Montt das nächste Ziel. Noch einmal ankern wir in einer nun nicht mehr sehr stillen Bucht, dann legen wir in der Marina Club Nautico Reloncavi an. Wir haben uns hier mit Dave, dem aus England stammenden, nun aber in Chile lebenden Mechaniker verabredet. Mittlerweile sind die Gewinde für unsere Seewasserpumpe durch die permanenten Wechsel verschlissen und er schneidet uns neue in den Motorblock. Bei einem Ortskontrollgang um das Boot, welcher auch die Besteigung des Mastes beinhaltet, finden sich an beiden Unterwanten (also die Drahtseile, die den Mast halten) je zwei gebrochene Kardeele, vermutlich das Resultat der komplizierten Wetterbedingungen der letzten Monate. Auch wenn noch 17 Kardeele verbleiben, muss hier was passieren. Da es hier keinen Rigger gibt, der Wanten komplett neu fertigen könnte, sollen jetzt Norseman-Schraubterminals eingesetzt werden. Eines haben wir an Bord, ein zweites finden wir mit Fernhilfe des guten Sebastiens in Valparaiso. Trotz der vielen Segler hier in Puerto Montt sind die Möglichkeiten für den Kauf von Ersatzteilen bzw. Reparaturen sehr begrenzt.

Aber, Chilexpress macht es möglich, schon 24 Stunden später haben wir das Teil hier! So nebenher lernen wir, wie man eine Rechnung am Bankautomaten bezahlen kann. Großartig!

Nun kann es losgehen: Gewöhnungsbedürftig ist, dass nun teilweise die Stabilität des Mastes von diesen verschraubten „Halterungen“ übernommen wird, aber im Internet finden sich viele positive Beurteilungen zu dieser Technik und dem vertrauen wir. Um mehr Beweglichkeit an den Anschlagpunkten im Mast zu ermöglichen, werden noch Toggles, die Bewegungen in zwei Ebenen zulassen, eingebaut und dann kehrt wieder Ruhe ein auf dem Segelboot Esmeralda. Ein paar schlafarme Nächte wälzten wir Lösungsmöglichkeiten für dieses Problem. Und Dave sind wir sehr dankbar für Beratung und Mithilfe, auch wenn wir viele Stunden immer wieder auf sein Erscheinen (oder auch Nichterscheinen) warten mussten. Außerdem leisten wir uns mal eine neue Ankerkette, da die alte nun doch schon recht rostig ist und an einigen Stellen nicht mehr die Normstärke von 10mm aufweist.

Hat die Besatzung des Segelschiffes Esmeralda nun nur rumrepariert in Puerto Montt? Nein! Es gibt so einiges zu entdecken. Erst einmal bietet die Stadt wieder reichlich Leben, Restaurants und Unterhaltung. Dank der vielen deutschen Siedler hier gibt es einmal pro Woche einen deutschsprachigen Film im Kino, was wir natürlich nutzen. Auch deutsche Küche findet man im Club Aleman, ist aber wegen der ungemütlichen Atmosphäre (die 70er Jahre grüßen aus allen Ecken) nicht unser Favorit. Wir besuchen den Nationalpark Vicente Perez Rosales mit seinen gewaltigen Wasserkaskaden und dem noch aktiven, schneebedeckten Vulkan Osorno. Da letzterer nicht mit dem Bus erreichbar ist, trampen wir, was gut funktioniert.

Weitere Erkundungen werden dann aber von den entsetzlichen Wetterbedingungen verhindert. Puerto Montt dürfte auch einer der Anwärter für die Welthauptstadt des Regens sein. Mehr als eine Woche hört der Regen kaum auf, dazu stürmt es meistens. Widerwärtig!

So haben wir noch Zeit, uns um die drei Marina-Hunde zu kümmern. Während Jack immer Hunger hat und Blancas Hauptanliegen im Verbellen der im Hafen fischenden Seelöwen liegt, ist der Alte Sack (seinen realen Namen haben wir nie erfahren) zumeist missgestimmt, nimmt aber auch huldvoll Salchichas entgegen.

Irgendwann hört dann aber auch der Dauerregen auf und es öffnet sich ein Wetterfenster mit moderaten südlichen Winden: Valdivia ruft! Kurz vor Abfahrt lädt uns Alejandro zu sich nach Hause zum Essen ein. Eigentlich kennt er uns gar nicht, aber gerade dieses vorurteilsfreie Interesse am Fremden bewundern wir an den südamerikanischen Menschen. Mit Ronaldo und Ehefrau tauchen dann auch noch (wieder einmal) perfekt deutschsprechende Chilenen auf. Es wird ein lustiger Abend: Wir zeigen unsere Bilder und erzählen unsere Geschichte und erfahren viel von unseren Freunden. Das Abendbrot ist vermutlich ohne Absicht typisch deutsch: Brot, Aufschnitt, Gürkchen und danach gibt es Kuchen, der hier tatsächlich so heißt.

Am nächsten Abend kommen Alejandro und Ronaldo zum Gegenbesuch an Bord. Wieder ein unbeschwerter Abend, der erst spät endet.

Am 29. April geht es dann los. Am Vortage hatten wir brav unsere Zarpe (die Berechtigung, in einer bestimmten Zeit von A nach B zu segeln) bei unseren Freunden von der Armada abgeholt. Und weil wir uns alle so gern mögen, entschließt man sich spontan zu einem Gegenbesuch: Bevor wir ablegen, will man an Bord so dies und das kontrollieren. Na prima! Andere Sorgen haben wir ja nun wirklich nicht. Wir haben unsere Abfahrtszeit bei der Armada mit 8 Uhr festgelegt (Ja, auch das muss man!). Da bis 8 Uhr kein Beamter sich sehen lässt, vergessen wir mal alles, was wir von südamerikanischer Pünktlichkeit wissen und legen ab! Schließlich müssen wir zur rechten Zeit (mit ablaufendem Wasser) im Canal Chacao sein. Nur wenige Minuten nach dem Ablegen – man sah uns offenbar durch das AIS-Signal- trötet es aus dem Funkgerät! Man meint eindeutig uns und wir müssen wieder zurück. Die Kontrolle geht schnell: Zielsicher finden die Herrschaften das einzige Material, was tatsächlich abgelaufen ist: unsere Notraketen und -fackeln. Aber aus alter Freundschaft sieht man darüber hinweg und wir dürfen starten.

Unser Wetterfenster beinhaltete nicht nur günstige Winde, sondern seit langem auch mal wieder viel Sonnenschein, welcher, soviel sei schon jetzt verraten, bis Valdivia anhält. Wir verleben eine wunderbare Zeit auf See. Durch den Canal Chacao werden wir mit Höchstgeschwindigkeit gestrudelt und dann sind wir auch schon auf dem Pazifik. Der zeigt sich heute milde gestimmt und so werden die 170 Meilen bis zur Mündung des Rio Valdivia sehr entspannt und zum Schluss dank auffrischender Winde sehr rasant bewältigt.

Die zweite Nacht dieser Reise verbringen wir dann in der Bahia Corral. Die Fahrt flussaufwärts wollen wir dann lieber bei Tageslicht angehen.

Noch am Morgen waren wir der Meinung, dass die 11 Meilen bis zu unserem Liegeplatz in einem Seitenarm des Rio Valdivia ja nun kein Problem mehr sein dürften. Doch es kommt alles ganz anders! Kurz nach dem Lichten des Ankers wird das Segelboot Esmeralda samt seiner tapferen Besatzung vom Nebel des Grauens gepackt. Kälte umfängt das Schiff und keiner kann ahnen, welche unsichtbaren Gefahren sich nur wenige Meter entfernt in dieser Umklammerung  befinden. Trotz angestrengter Ausschau sehen wir nichts! Angst und Resignation befallen die Crew wie eine ansteckende Krankheit.

„Gut! Reicht jetzt! Es gab einfach nur für ungefähr 45 Minuten relativ dichten Nebel. SONST NICHTS!“

Oh, der Beauftragte für „intellektuelles Leben und anspruchsvolle Kultur“ des Segelschiffes Esmeralda!

Ja, also, der Weg führt durch eine wunderschöne Flusslandschaft. Die Karte gibt schon längst keine Informationen mehr und auch Seezeichen sind eher rudimentär vorhanden. Aber die Wassertiefe reicht immer aus und irgendwann haben wir die Marina „Roaring Forties“ erreicht. Vielleicht ist der Name etwas überambitioniert für diesen Steg im Fluss, welcher uns sehr intensiv von unserem lieben Freund Rene in Ushuaia empfohlen wurde. Aber wir spüren sofort, dass wir hier richtig sind. Raul, der Besitzer der Anlage, steht schon am Steg, als wir anlegen. Er zeigt uns seinen wunderschönen Garten, das Haus und all die Einrichtungen, die uns hier das Leben leicht machen werden. Ein Paradies!

Dann zieht es uns auch schon in die Stadt! Gut, auch unsere Freunde von der Armada verlangten uns noch heute zu sprechen! Raul fährt uns freundlicherweise ins Zentrum. Die Armada verrichtet ihren Anteil am Waldsterben, indem enthusiastisch Dokumente kopiert und Formulare ausgefüllt werden. Dann kann die geduldige Besatzung des Segelbootes Esmeralda sich in das Stadtleben stürzen.

Eine schöne Stadt! Der Rio Valdivia, welcher durch die Stadt fließt, ermöglicht eine schöne Promenade, welche von Musikern, Händlern, Spaziergängern und auch Seelöwen belebt wird. Letztere haben hier ihren Platz gefunden, tragen lautstark ihre Kämpfe aus und jagen auch mal gerne Ruhebedürftige von den Bänken, um sich dann selbst elegant dort hochzuziehen. Es wird nicht langweilig, den Herrschaften zuzusehen.

Wir sehen hier erstmals wieder seit Necochea (Argentinien) Palmen. Übrigens tauchen auch seit einiger Zeit zunehmend wieder Pelikane, eventuell unsere Lieblingsvögel, auf. Da bekommt die kälteerprobte Besatzung des Segelbootes doch so langsam subtropische Empfindungen. Und, der Name unserer Marina brachte uns auf den Gedanken, haben wir nun tatsächlich den 39. Breitengrad erreicht und damit die brüllenden Vierziger und erst recht die rasenden Fünfziger hinter uns gelassen. Sollte das Seglerleben jetzt wieder einfacher werden?

Ein Video über Feuerland und Patagonien:

21.03. – 03.04.22    Puyuhuapi, Puerto Queilen, Castro – zurück in der Zivilisation

In Puerto Aguirre lernen wir zwei junge Menschen kennen. Sie kommen aus Israel, trampen die Carretera austral entlang und haben jetzt mal einen Abstecher in Richtung Inselwelt der Kanäle gemacht. Gili und Aynan sind uns sofort sehr nahe: Ihre Art zu Reisen gefällt uns, ihr Interesse an den Menschen ist ähnlich dem Unsrigen und ihre Leidensfähigkeit sehen wir mit großem Respekt. Bei diesen Wetterverhältnissen im Zelt zu wohnen und mit diesen riesigen Rucksäcken ständig beladen zu sein, ist schon etwas sehr Besonderes. An einem regnerischen Tag verabreden wir uns zum gemeinsamen Kochen an Bord. Shakshuka meets Bratkartoffeln mit Sauerkraut und erstaunlicherweise passt das großartig zusammen.

Und auch wir merken, dass wir ganz gut zusammenpassen. Da sie auch nordwärts wollen, verabreden wir uns, gemeinsam für einen Tag mit dem Boot unterwegs zu sein. Beim Verlassen von Puerto Aguirre müssen die beiden sich in der Kabine verborgen halten. Die von der Armada ausgestellte „Berechtigung“ hier unterwegs zu sein, gilt nur für 2 Personen und wir sind gar nicht auf die Idee gekommen, dass dies unrechtmäßig wäre. Erst unser freundlicher Hafenmeister klärte uns über die sinnlosen Regeln des Segelns in Chile auf. So ein Blödsinn!

Jedenfalls bringen uns die Beiden Glück. Schon kurz nach dem Ablegen tauchen mehrfach um uns herum Wale auf. Große Begeisterung auf dem Segelschiff Esmeralda! Wir erfahren viel über das Leben in Israel und im Gegenzug berichten wir von der deutschen-deutschen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, welche anscheinend in Israel weniger wahrgenommen wurden. Da alles so harmonisch funktioniert, beschließen wir noch einen weiteren Tag zusammenzubleiben.

In Puyuhuapi, wo die Carretera austral durch den Ort führt, verlassen uns die Beiden. Wir genießen die freundliche Atmosphäre dieses hübschen Ortes und ziehen am nächsten Tage weiter nordwärts.

Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir unsere Bucht für diese Nacht. Nun wird sich das Wetter ändern und wir müssen sehen, wie es weitergeht.

Die Bucht wird übrigens erheblich eingeengt durch eine der vielen Lachsfarmen, die es nun im nördlichen Teil der Kanäle immer häufiger gibt. Chile ist nach Norwegen der größte Exporteur für Lachs. Selbstverständlich, die Welt will ernährt werden. Aber in dieser Dichte dürfte die Wasserqualität dieses wichtigen Lebensraumes doch sehr beeinträchtigt werden. Und ohne Antibiotikazusatz dürfte diese Massentierhaltung kaum zu bewerkstelligen sein. Vor den Toren unseres Schlafplatzes erwartet uns am nächsten Morgen dann heftiger Wind, natürlich aus Nord und natürlich mit ausreichend Regen und einer beachtlichen Welle vereint. Wir sind froh, als wir in einer Bucht nach nur 15 Meilen rechts abbiegen können und Unterschlupf finden.

Am nächsten Tag ist es wieder ähnlich. Leider ist die Stärke des Windes in den meist völlig geschützten Buchten schwer abzuschätzen. So sind wir auch heute wieder überrascht, vor welch scheußlichem Wetter wir die Nacht über geschützt waren. Aber, die großen Worte eines deutschen Machthabers im Ohr – „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ – quälen wir uns wieder 15 Meilen weiter und landen in der Rada de Pelena. Der empfohlene Ankerplatz liegt vor dem Ort Raul Marin Balmaceda. Hier kachelt aber immer noch der Nordwind ungebremst in den Kanal, so dass wir auf die Suche nach einem besseren Plätzchen gehen. Noch einmal links um die Ecke und wir finden uns in einer großen, aber von fast allen Seiten durch hohe Berge geschützten Bucht wieder. Unsere Seekarte hat zwar hier keinerlei Angaben mehr für uns parat, aber bei nunmehr wieder 70 Metern Wassertiefe können wir da sehr entspannt sein. Später taucht ein Dinghy hinter uns auf und die jungen Männer empfehlen uns einen Platz direkt vor ihrem kleinen Waldhaus. So machen wir es, werfen den Anker und legen die üblichen 2 Landleinen. Und schon wird es still rundherum. So still, dass wir uns zum späten Nachmittag zu einem Besuch des oben erwähnten Dorfes mit dem Dinghy entschließen. Der Leser wird es nun langsam erahnen: Nach einer kurzen Strecke merken wir, dass der Wind keineswegs abgeflaut hat und wir kämpfen uns auf die andere Seite des Kanals und versuchen in den Ort zu laufen. Gegen die massive Welle hätten wir mit unserem 4-PS-Außenborder keine Chance!

Der Ort ist aber weit und vorher landen wir auf einem Privatgrundstück. Die Besitzer erklären uns zwar einleitend, dass wir hier nichts zu suchen haben, jedoch ändert sich sehr schnell die Stimmung und man lädt uns zum Essen ins Haus ein. Im Dorf wäre heute zum Sonntag eh´ alles geschlossen. Nun wird für uns gekocht und wir beantworten die üblichen Woher-Wohin-Fragen. Wir erfahren, dass die beiden Besitzer aus Argentinien kommen und seit 5 Jahren nun in Chile leben. Da es bald dunkel wird, müssen wir uns allerdings bald wieder auf den ungeliebten Rückweg machen. Wind und Regen, das Dinghy ins Wasser tragen… Wir verabschieden uns herzlich von unseren Gastgebern und traben los.

Am nächsten Tag regnet und stürmt es immer noch und wir beschließen, nun doch noch ein wenig schlau geworden durch Erfahrung, keinen Fuß mehr vor die Tür zu setzen. Erst zum Abend besuchen wir unseren Hausbesitzer Christian, welcher direkt oberhalb unseres Ankerplatzes an seinem Holzhaus bastelt. Christian stammt von einem deutschen Vater ab (welchen wir unbedingt in Puerto Montt besuchen sollen), beherrscht aber, trotz Besuch der deutschen Schule, nicht mehr die deutsche Sprache. Trotzdem führen wir interessante Gespräche über die chilenische Vergangenheit, welche kurze Zeit später an Bord von Esmeralda fortgesetzt werden.

Oh Wunder, am kommenden Tage scheint die Sonne, das Wasser ist (erst einmal) spiegelglatt und nun müssen wir weiter. Ziel ist nun endlich die Bahia Tictoc, welche ja schon seit 3 Tagen das Objekt unserer Begierde ist. Mit Erreichen des hier sehr offenen Meeres wird zwar das Boot samt der Besatzung noch einmal unsanft durch die Restwelle durchgeschüttelt, aber schon bald sind wir in der Inselwelt dieser Bucht und genießen den Frieden und die Tierwelt.

Hier soll es eine Pinguinkolonie geben, außerdem seltene Wasservögel und natürlich Seelöwen und Delphine. Doch nunmehr taucht jedoch erst einmal ein Kondor am Himmel auf.

Endlich sehen wir diesen riesigen Vogel, welcher anscheinend an einem toten Pinguin, welcher hier an den Strand gespült wurde, interessiert ist. Dann beginnt die große Inselrundfahrt mit dem Dinghy. Wir sehen zwar einzelne Magellan-Pinguine, die Kolonie finden wir aber nicht. Vermutlich sind die Herrschaften schon mit Beendigung des Brutgeschäftes wieder in antarktische Gefilde aufgebrochen. Dafür gibt es dann wieder einen Felsen voller Seelöwen, unseren Lieblingstieren in Südamerika.

Kein anderes Meerestier scheint so interessiert zu sein an diesen zweibeinigen Wesen. Immer wieder auf unserer Reise im Süden des Kontinents kommt es zu diesen freundlichen Begegnungen: Der Seelöwe schraubt seinen Oberkörper aus dem Wasser um besser sehen zu können und schaut uns dann zumeist direkt in die Augen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

Nach dieser eventuell letzten so einsamen Bucht tauchen wir dann am kommenden Tage wieder in die Zivilisation ein. Endlich sind wir in Chiloe´, der großen Insel, von der uns Sebastien so viel vorgeschwärmt hat. Im ersten Ort Queilen fühlen wir uns noch nicht so recht wohl. Die kleine Bucht ist zugestopft mit einer riesigen Austernfarm, der wenige Platz der bleibt, wird von Fischerbooten, Fähren und anderen Wasserfahrzeugen verstopft. Kaum dass wir ein freies Plätzchen zum Ankern hier finden können! Das Wasser ist ölig und schmutzig (wir sehen, wie die Kanalisation des Ortes sich im Strahl in die Bucht ergießt) und wir beschließen, auch weiterhin keine Austern zu verspeisen.

Dann quetschen wir uns durch schmale Kanäle an vielen Inseln vorbei und gelangen nach Castro, der Hauptstadt der Insel. Eine richtige Stadt! Kaffeestuben, hübsche Restaurants und viele Einkaufsstraßen zum Bummeln.  Doch der Höhepunkt ist die Holzkirche, typisch für die Insel, welche außen mit Holzschindeln bedeckt ist und deren Innenraum vollständig aus Holz besteht. Ein wunderschöner Anblick!

Es gibt sogar ein Museum für moderne Kunst und einen riesigen China-Hypermercado. Eine Stadt, in der die anspruchsvolle Besatzung des Segelschiffes Esmeralda all seine Bedürfnisse befriedigen kann.

01.03. – 20.03.22 Irgendwo in der großen Einsamkeit Südchiles

Nein, wir bleiben nicht in Puerto Eden. Eigentlich hat es hier seit unserer Ankunft fast dauerhaft geregnet und so richtig schön ist das nicht. Wir verabschieden uns von den uns nahestehenden Menschen und ziehen am 2.3. unseren Anker ein. Nahziel ist jetzt erst einmal die Angostura Inglesa, eine durch viele Inseln gebildete Engstelle im Canal Messier. Unter Beachtung der Tide (was wir taten) eigentlich kein Problem, jedoch schafft der heftige Wind aus Nord (natürlich ist heftiger Regen auch mit im Spiel) anscheinend einen deutlichen Strom gegen uns, so dass wir uns mühsam voran quälen. So geht es die nächsten Tage auch weiter. Wir schaffen nur kleine Strecken und müssen den Besuch des Gletschers Iceberg (ja, der heißt wirklich so) ausfallen lassen. Der Canal Messier schafft uns. Strom, Welle, Wind und natürlich der Regen sind mal wieder gegen uns! Da sich am Sonntag ein Wetterfenster für die Querung des Golfo de Penas öffnet, müssen wir vorankommen und können leider nicht das entsetzliche Wetter in einer der wunderbaren Buchten aussitzen.

Sonntag haben wir dann tatsächlich den passenden Wind für die nächste Problemzone unserer Reise. Der Golfo de Penas (Golf des Leidens) stellt eine Unterbrechung des geschützten Kanalsystems dar und der leidensfähige Segler muss nun für 150 Meilen auf den von den permanenten Tiefdruckgebieten aufgewühlten Pazifik hinaus. Durch anhaltende Dünung aus Südwest, Windwelle aus der gerade bestehenden Windrichtung und Reflexion der Pazifikdünung am Ufer entsteht eine chaotische See, welche durch die rasant sich ändernde Wassertiefe von mehr als 1000 Metern auf 100 Metern noch einmal problematischer wird.

Schon Montag-Nachmittag soll wieder der übliche Westwind in unangenehmer Stärke auf dem Pazifik sich austoben und so verlassen wir schon um 4 Uhr morgens am Sonntag die Bucht. Mit Taschenlampe quetschen wir uns durch die enge Ausfahrt und dann hat der wackere Perkins erst einmal wieder eine Überraschung für uns parat. Es tritt kein Kühlwasser mehr aus; der Motor wird heiß. Zum Glück können wir schon segeln und so kann der Bordmechaniker mit dem Kopf im Motorraum verschwinden und sich Gedanken machen. Meist war es ja die Seewasserpumpe, die Ärger machte. So wird diese erst einmal ausgetauscht, was nichts ändert. Diesmal war es dann also (um es kurz zu machen) ein Fremdkörper im Kühlwasser-Seeventil, welcher mit einem Draht wieder ins Meer zurückbefördert werden konnte. So unpassend ja solche Ereignisse immer sind, waren wir doch froh, dass dies nicht in einem engen Kanal passierte.

Endlich können wir wieder segeln. Wie erwartet ist die Schiffsbewegung unangenehm, ein wenig Übelkeit stellt sich bei der tapferen Besatzung des Segelschiffes Esmeralda ein.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz.

Nun muss es zerschellen. Nein, es blieb ganz.

Ja, lieber vielseitig gebildeter Leser, dies ist

  1. von Gorch Fock geklaut und
  2. war es gar nicht sooo schlimm!

Nach den ersten 30 Meilen wird es langsam koordinierter und vor allem freuen wir uns über eine rasante Segelgeschwindigkeit. Montag-Morgen verschwinden wir wieder planmäßig in den geschützteren Kanälen und können uns zum Nachmittag in eine behagliche Bucht verholen. Hier erwartet uns bereits unser Freund Sebastien, welcher zum gleichen Zeitpunkt den Golfo querte und welchen wir ja bereits auf der gesamten Reise durch die Kanäle immer mal wieder wunderbarerweise trafen.

Eine spontane Feier verleiht dem Ereignis die nötige Würde.

Dann trennen sich unsere Wege. Wir wollen weiter südlich zum Gletscher San Rafael, Sebastien will nördlich zu seinem Anwesen auf der Insel Chiloe´.

Die schmale Einfahrt zur Laguna San Rafael erfordert die Beachtung der Tide und so erreichen wir den Gletscher sehr früh am Morgen. Dies bedeutet, dass wir alles hier erst einmal für uns alleine haben. Der äquatornaheste Gletscher der Welt ist eine touristische Attraktion und deshalb tauchen später noch ein paar Ausflugsboote auf. Wir schlängeln uns durch die hier recht gewaltigen Eisberge und Eisbrocken und verharren schweigend eine Stunde vor dem Gletscher.

Wir hören das Donnern der Eisabbrüche und können uns an dem kräftigen Blau des Eises nicht sattsehen.

Jetzt wollen wir auch zu Fuß dem Gletscher näherkommen. Wir ankern in einer geschützten Bucht und rudern an Land. Der Weg ist anfangs recht anspruchsvoll: Über einige 100 Meter hat man den Pfad geflutet und seitliche Dornenhecken erlauben kein Ausweichen. So müssen wir die Schuhe ausziehen und durch das eiskalte Wasser waten.

Später kommen wir an einer mittlerweile zugewucherten Landebahn und den Resten eines Hotels aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts vorbei. Ein etwas morbider Charme umfängt uns. Jetzt gibt es hier nur noch einen Kleinst-Campingplatz für Wanderer.

Nach 2 Stunden stehen wir an einem Aussichtspunkt kurz vor dem Gletscher und genießen noch einmal den neuen Blickwinkel. Seltsam, dass die Gewaltigkeit dieses Naturschauspiels uns sofort ruhig werden lässt. Schweigend schauen wir zu, wie das Eis, das Tausende von Jahren auf diesen Moment gewartet zu haben scheint, nun in die Lagune stürzt und hier ein Eigenleben beginnt. Die Eisberge drehen sich, einzelne Kanten brechen wieder ab und im Zusammenhang mit dem bewegten Wasser machen sie auch Geräusche. Faszinierend!

Erst am späten Abend kehren wir zum Boot zurück und beschließen, in dieser Bucht über Nacht zu bleiben. Der Segelführer empfiehlt dies eigentlich nicht, da man schnell vom Eis auch eingeschlossen werden kann. Aber das Wetter ist unproblematisch und so hoffen wir das Beste. Außerdem vermuten wir, dass die Ausflugsboote, welche nicht an einem Tage den Weg vom Heimathafen zum Gletscher und zurück bewältigen können, im Rio Los Patos, dem empfohlenen Ankerplatz, übernachten werden. Und darauf haben wir nach diesem inspirierenden Tag keine Lust.

Am nächsten Morgen ist unser Liegeplatz zwar relativ eisfrei, aber wir sehen eine breite Straße voller Eis vom Gletscher zum Rio Tempano, dem Ausgang der Lagune, ziehen. Da auch wir da wieder raus müssen, sollten wir uns irgendwie vordrängeln. In der Nacht muss San Rafael sehr fleißig gewesen sein!

Wir machen noch einen Abschiedsbesuch am Gletscher und dann nichts wie weg. Hochwasser steht kurz bevor und wie Flugzeuge auf der Startbahn warten die Eisberge, dass sie der Ebbstrom durch den Rio Tempano aus der Lagune schwemmt. So kämpfen wir uns gegen den Strom durch den noch recht eisfreien Rio und sind bald wieder auf dem Weg nach Norden.   

Das nächste Ziel ist Puerto Chacabuco. Hier hoffen wir Frischobst und Gemüse kaufen zu können und freuen uns auch mal wieder auf Restaurants und Menschen. Einige Tage später, einige Buchten später, einige Canales, Bahias und Senos später erreichen wir den Ort. Nun ja, viel ist hier nicht los. Kleine Hütten, ein paar kleine Läden, ein Hotel, zwei Restaurants (eher Schnellimbiss)! Aber es gibt ein Gesundheitszentrum und wir fragen mal nach unserer Corona-Drittimpfung. Kein Problem, am nächsten Tag können wir kommen und erhalten ohne längere Wartezeit den guten Pfizer-Impfstoff.

Etwas lohnender ist der Besuch des 14km entfernten Puerto Aysen und des weitere 60 km entfernten Coyhaique, welches wir per Bus über die landschaftlich schöne Carretera Austral erreichen. Hier gibt es mehr Leben, viele Geschäfte, Restaurants und einen riesigen Einkaufsmarkt.

Man möge uns dieses kommerzielle Denken nachsehen, jedoch leben wir mehr oder minder seit Ende Januar von den in Ushuaia erworbenen Vorräten und freuen uns jetzt einfach mal über die Möglichkeiten, die eine solche Stadt bietet. Aber irgendwie ist da auch schon wieder die Sehnsucht nach den einsamen von Bergen und Wäldern umgebenen Buchten, wo man so ruhig liegt, dass man von dem Starkwind nichts mitbekommt. Wo bestenfalls mal ein neugieriger Seelöwe nach dem Rechten schaut oder die Delphine schnaufend nach Nahrung suchen.

Wir verlassen die recht flache Bahia Baja mit dem Nachmittagshochwasser und kommen noch ein ganzes Stück westlich. Zum Abend landen wir wieder in einer der netten geschützten Buchten. Am nächsten Tag erwarten uns dann im westlichen Abschnitt des Fjordo Aysen satte 30-35 Knoten Wind. Da aber selbiger auch einmal aus südöstlichen Richtungen kommt, können wir mit einem kaum ausgerollten Vorsegel mit spektakulärer Geschwindigkeit losreiten. Mit Verlassen des Fjordes ändert sich die Windstärke wieder auf Normalmaß; die hohen Berge des Kanals bündelten den Wind und man ist immer wieder erstaunt, welche gravierenden Abweichungen vom Wetterbericht durch die Architektur der Kanäle entstehen können. Am Nachmittag legen wir dann in Puerto Aguirre an. Die Sonne scheint mal, es ist sommerlich warm. Was für ein Empfang! Wir besuchen den gepflegten botanischen Garten und kehren dann zum Abend in das einzige „Restaurant“ des Ortes ein.

Zuvor hatten wir schon unser Essen bestellt. Jetzt ist es fertig und wir werden in die Küche gebeten und speisen grandios mit intensivem Familienanschluss.

Und das empfinden wir als so schön, dass wir uns gleich für den kommenden Abend wieder zum Abendessen anmelden. Jetzt dürfen wir uns sogar aussuchen, was gekocht wird. Wir wünschen uns eine chilenische Bohnensuppe und sind sehr gespannt auf den Abend!

06.02. – 27.02.22 Chilenische Kanäle

Mit dem ersten Tageslicht verlassen wir Puerto Williams, ziehen gegen Mittag wieder an Ushuaia vorbei und landen in der ersten Bucht unserer Reise nach Puerto Montt. Osvaldo, der mit seinen 4 deutsch-schweizerischen Chartergästen eigentlich Gletscher und Kap Hoorn besuchen will, ist auch schon da. Wir absolvieren unser Leinenmanöver (Anker raus, dann 2 Leinen heckwärts und 2 Leinen bugwärts möglichst rasant an kräftige Bäume verzurrt, bevor das Boot irgendwohin getrieben wird), welches nun in den nächsten Wochen in immer ähnlicher Weise zur Routine werden wird.

Da der Montag noch ein relativ windarmer Tag werden soll, sagen wir Osvaldo Lebwohl und ziehen am folgenden Tag in die nächste Bucht. Hier sollen wir nun erst mal die kommenden Tage verbringen. Ein holländisches Boot liegt bereits hier, unser französischer Freund Sebastien kommt noch spät am Abend.

In der Nacht wirft es uns förmlich aus den Betten, urplötzlich kachelt der Wind mit 60 Knoten (Petra und Kor, die Holländer, haben es gemessen) und nun ist es erst einmal vorbei mit der Ruhe. Die nächsten Tage löst ein Sturm den nächsten ab und wir bleiben fast eine Woche in unserer Bucht. Die Zeit vertreiben wir uns mit Besuchen auf den Nachbarbooten und dem Sammeln von Beeren für Kuchen und Rote Grütze. Am Strand gibt es ausreichend Calafate (ähnlich Blaubeeren, wächst aber an einem dornigen Busch) und -auch an einem Dornenstrauch wachsend- kleine rote Beeren, die wie Miniaturäpfel aussehen und auch so schmecken (der Name geriet in Vergessenheit).

Trotzdem macht uns der Verbrauch unserer Lebensmittel an Bord etwas Sorgen. Noch befinden wir uns beinahe in Rufweite von Puerto Williams und es ist vorerst kein Ende des stürmischen Wetters in Sicht. Vermutlich müssen wir verhungern, ist doch die nächste Einkaufsmöglichkeit erst in Puerto Eden (ca 600 Meilen entfernt). Oder verdursten? Ohgottohgottohgott! Nein, verdursten werden wir nicht!  In dieser wie auch in fast jeder weiteren Bucht gibt es einen Wasserfall oder einen Bach oder beides mit bestem Gletscherwasser.

Aber dann hat die wetterbestimmende Behörde ein Einsehen und tatsächlich soll ab Freitag (also 12 Tage nach Verlassen von PW) ein Hoch längere Zeit über Patagonien wohnen. Ein Wunder! Nachdem die starkwindgebeutelte Wetterkarte von Patagonien immer knallrot war, wird sie nun plötzlich mehrere Tage hellblau. Leichte Winde aus allen Richtungen. Dies ist unsere Chance. Bald können wir die Bucht verlassen, warten noch einmal in der nächsten Caleta auf das Entschwinden des letzten Tiefs und dann geht es los. Jetzt müssen wir die Tage gut nutzen. Mit dem ersten Tageslicht starten wir und meist erst zum Sonnenuntergang erreichen wir die Schlafbucht.

Wir passieren den Canal Acwalisnan (einen der 3 möglichen Zugangswege zur Magellanstrasse). Eigentlich ist dieser Weg von der Armada de Chile nicht erlaubt, jedoch ist er viel kürzer und geschützter als der vorgeschriebene Canal Magdalena. So schalten wir unser AIS für diese Zeit aus und sind somit hoffentlich unsichtbar. Am Abend erreichen wir dann die wegen hässlicher Segelbedingungen gefürchtete Estrecho de Magallanes. Ein Teilstück von 110 Meilen müssen wir passieren, bis wir wieder in die besser geschützten Kanäle verschwinden können. Dank des glückspendenden Hochs sind die Bedingungen jetzt jedoch ideal. Sogar Ostwind hat man für uns zurechtgebastelt. Das MÜSSEN wir nutzen und somit wird eine Nachtfahrt eingeplant. Diese Entscheidung wird dann tatsächlich auch von höherer Ebene abgesegnet, indem direkt neben uns ein Wal auftaucht und zustimmend mit der Schwanzflosse wedelt. Wunderbar. Nur im Paso Tortuoso, einer längeren Engstelle zwischen der Isla Carlos III und dem Festland, werden wir 3-4 Knoten Gezeitenstrom gegen uns haben, was jetzt aber nicht vermeidbar ist. An dieser Stelle, natürlich bei Dunkelheit, passiert uns dann auch noch ein großes Cargoschiff (doch, der Platz reicht für beide), welches aber höflich die Seite der Passage mit uns per Funk abspricht und sich dann später noch höflicher für die Zusammenarbeit bedankt. So was! Auch die restliche Großschifffahrt, welche uns begegnet, verfährt ähnlich und wir beschließen spontan, nun immer das Funkgerät eingeschaltet zu lassen.  Übrigens findet die Namensgebung des Bootes des Öfteren und auch auf diesem Wege in Chile zustimmende Erwähnung, gibt es doch mehrere berühmte Schiffe mit dem Namen „Esmeralda“ (eines wurde leider in einer dramatischen Schlacht versenkt) und auch eine Insel gleichen Namens existiert.

Am Abend können wir dann rechts abbiegen und die Magellanstraße somit verlassen. Puh, was sind wir froh. So manches Boot musste mehrere Wochen warten, bis die Wetterbedingungen für dieses Gebiet erträglich waren. Und um das Glück noch vollständiger zu machen, finden wir mit dem Puerto Profundo (Caleta Teokita) den bisher schönsten Ankerplatz unserer Kanalfahrt. Eine schmale Einfahrt mit jedoch 8 Meter Wassertiefe führt nach knapp einer Meile zu einem wunderschönen geschützten Plätzchen, welches von ca. 1-Meter-großen Medusen mit langen Tentakeln (nennt man die so?) bevölkert wird. Aua, aua! Es wird Badeverbot ausgesprochen!

Und weiter geht es! Das gnädige Hoch beschert noch immer beste Bedingungen und auch dank einer vorausschauenden Dieselbevorratung müssen wir nicht den 130-Meilen-Umweg über Puerto Natales zum Nachtanken einschlagen, sondern können direkt Puerto Eden ansteuern. Hoffentlich bekommen wir dort Nachschub? Der wackere Perkins hatte und hat in dieser Zeit die Hauptarbeit. Manchmal (zum Beispiel in der Magellanstraße) konnten wir segeln, manchmal können wir motorsegeln, oft allerdings kommt der Wind genau von vorn. Die engen Wetterfenster erlauben dann leider kein Trödeln…

Am letzten Tag des stationären Hochs haben wir genug Zeit zusammengerafft um auch mal die Sehenswürdigkeiten zu berücksichtigen. Heute wollen wir den Gletscher Asia in der Estero Peel besuchen! Eine zunehmende Dichte von Eisbrocken, welche sorgsam umfahren werden müssen, lassen die Gletschernähe erahnen. Das Wasser wird tiefgrün und fröhliche Delphine umtanzen das Boot. Und dann ist das Segelschiff Esmeralda mitten im Eis, vor uns der tiefblaue Gletscher, der donnernd immer wieder neues Eis in die See stürzen lässt. In wohl seltener Weise (das Segelhandbuch spricht von beständig schlechtem Wetter an dieser Stelle) strahlt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. In respektvoller Stille genießen wir diesen Anblick und sind uns bewusst, was für ein Glück es ist, dies sehen zu können.

Außerdem treffen wir hier auch noch ein Fischerboot, welches Gletschereis zur Kühlung des Fangs einsammelt. Wir tauschen einen Liter Wein gegen einen riesigen Lachs und für 2 Tage wirft die vegetarische Besatzung ihre Prinzipien über Bord und genießt diesen edlen Fisch!

Dann ist es vorbei mit dem schönen Wetter. Starkwind (natürlich von vorn), Regen, Kälte. Aber bis Puerto Eden ist es nicht mehr weit und am 25.2. sehen wir nach fast 3 Wochen wieder einmal die ersten menschlichen Behausungen (und einen kleinen Balken des Netzwerkbetreibers auf dem Fernsprechgerät).

Erstaunlicherweise ist fast zeitgleich auch unser französischer Freund Sebastien hier eingetroffen. Wir hatten in zwei Buchten zusammen gelegen, uns dann aber aus den Augen verloren. Es herrscht Frohsinn in der Ankerbucht von Puerto Eden!

Am Abend ist noch Zeit für einen kleinen Ortskontrollgang. Wurde Puerto Eden in älteren Segelbüchern als verwahrloster Ort beschrieben, so ist anscheinend viel passiert in den letzten Jahren. Wir empfinden den Ort als recht gepflegt und gar nicht so klein wie erwartet. Überall blühen Blumen und außerdem sind die Häuser geschmückt, findet doch morgen das Fest zum 53. Jahrestag von Puerto Eden statt. Trotzdem fragen wir uns, was die Menschen hier hält. Laut unserem Segelführer soll Puerto Eden der einsamste und regnerischte Ort der Welt sein. Es gibt keine Möglichkeit, den Ort auf dem Landweg zu verlassen. Es gibt keine kulturellen Angebote, kein Restaurant und lediglich ein paar kleine Läden mit sehr begrenztem Angebot. Die Menschen leben vom Fischfang, was jedoch seit dem Auftreten von mareja roja (einer giftigen Algenart, welche sich in Meereslebewesen anreichert) sehr kompliziert geworden ist. Ein um 25 Prozent höheres Einkommen gegenüber „normalen“ Plätzen soll die Menschen hier halten, hören wir.

Der nächste Tag steht ganz im Zeichen der Dieselbeschaffung. Jose, ein älterer Herr, ist der Herrscher über viele Kraftstoff-Fässer, welchen wir vormittags aufsuchen. Allerdings, so ist die Antwort auf unsere Anfrage, hätte er keinen Diesel für uns. Vielleicht in einem Monat… Wir haben jedoch nunmehr genug Südamerika-Erfahrung, als dass wir dies allzu ernst nehmen würden. Man lädt uns zu einem Cafesito ein und wir warten erst mal ab. Nach 1,5 Stunden und ein paar Telefonaten können wir plötzlich unsere Kanister per Handpumpe füllen, deren Inhalt dann in unseren Tank landet. Zur 2.Runde für die Erneuerung unserer Vorräte geraten wir genau in die Vorbereitungen zum Mittagessen. So lädt man uns erst mal wieder ein und wir erleben ein ausgedehntes Speisen mit 4 Gängen, welches sich so hinzieht. Erst gegen 16 Uhr können wir unsere Behältnisse wieder füllen und nach all der Einsamkeit der letzten Tage empfinden wir jetzt eine leichte Überdosis sozialer Kontakte. Von dieser können wir uns aber kaum erholen, da wir zum Jahrestagsfest des Ortes geladen sind und nun zum Abend das gesamte Dorf im Festsaal erleben dürfen. Fast jeder Einwohner wird für irgendwas ausgezeichnet, dann wird gesungen und Torte gegessen. Wir erfahren viel über das Leben hier und die hier lebenden Menschen. Letztere sind ein bunter Mix aus Indigenen, hier geborenen Weißen und Zugezogenen. Und jede Menge Spaß haben wir auch noch!

Am Sonntag haben wir dann ein paar Menschen, die wir näher kennen lernen durften, zu uns auf das Boot eingeladen. Dies gestaltet sich recht kompliziert, herrscht doch wieder einmal recht kräftiger Wind und der übliche Dauerregen. Das Dinghy schwankt gewaltig, doch zum Glück landet keiner im kalten Wasser.

Abends dann hat Andres für uns gekocht. Wieder gibt es ein Vier-Gänge-Menü und lustige wie auch interessante Gespräche. Was für nette Menschen! Sollten wir doch in Puerto Eden bleiben?

23.01 – 05.02.22 Puerto Williams (Chile)

Nach der traurigen Verabschiedung von unseren schweizer  und deutschen Freunden sowie von unserem Lieblingshafenmeister Urka legen wir ab.

Zwar scheint die Sonne, jedoch weht gerade heute ein seltener Ostwind, obwohl wir doch gerade zufällig ostwärts nach Puerto Williams müssen. Wir können es uns nicht aussuchen, da wir nach der gestrigen Ausklarierung nur 24 Stunden Zeit für die Abreise haben. Per Funk melden wir uns bei unseren Freunden von der Prefectura ab. Man versucht uns noch einmal zu verwirren: Angeblich hätten wir uns für die Reise nach Puerto Deseado abgemeldet und jetzt sind die Kollegen erstaunt, dass wir nach Puerto Williams wollen! Es vergehen bange Minuten in der Erwartung, dass man uns wieder zurückbeordern will, aber wunderbarerweise stimmt man nach einiger Zeit unserem Begehren zu. Auf Wiedersehen, Argentinien! Wir haben hier tolle Menschen kennengelernt, anspruchsvolle Segelabenteuer erlebt und diese grandiose Natur genießen dürfen.

Schon im Beagle-Kanal werden wir von Puerto-Williams-Radio angerufen und später dann auf einen Ankerplatz vor der Hafeneinfahrt in die Nähe des Flughafens beordert. In quälend-komplizierten Funkdialogen versuchen wir der Capitania klarzumachen, dass wir alle notwendigen Formalitäten bereits erledigt und per Mail eingereicht haben. Erschüttert erfahren wir, dass angeblich nichts davon beim Adressaten angekommen ist und wir somit nochmals alles abschicken müssen. Letzteres ist nun aber unmöglich, da wir keine chilenische SIM-Karte haben und somit kein Internetzugang für uns besteht. Hier schaltet sich nun wunderbarerweise Zeek ein, ein Segler unbekannter Nationalität, welcher den Funkverkehr mitgehört hat und für uns übersetzt und zu vermitteln versucht. Er verspricht uns, am Montag eine SIM-Karte zu besorgen und uns zum Boot zu bringen. Wir dürfen natürlich nicht von Bord und können nur abwarten. Und jetzt wird es still! Anscheinend kümmert sich behördlicherseits niemand um uns mehr.

Am nächsten Tage bringt Zeek uns tatsächlich die SIM-Karte und wir schicken wiederum unseren vermeintlich gültigen Mobilitätspass, unsere Corona-Test-Ergebnisse und alle weiteren Unterlagen an die Gesundheitsbehörde und die Capitania.

An dieser Stelle bitten wir den geduldigen Leser um Nachsicht. Vermutlich ist nicht jeder an all dem Behörden-Hin-und-Her interessiert. Für uns geht es aber um die Möglichkeit, entweder die nächsten Monate nicht das Land betreten zu dürfen oder aber mit einem Visum normal durch Chile reisen zu können. Außerdem mag es Reisende geben, die vor ähnlichen Problemen wie wir stehen und mit den Informationen etwas anfangen können.

Entscheidend ist die Zustimmung der örtlichen Gesundheitsbehörde, welche Natalia hier in Puerto Williams als Alleinherrscherin verkörpert. Wir drangsalieren sie mit unzähligen Mails und bekommen als Antwort undurchschaubare seitenlange Gesetzestexte zugesandt. Irgendwann begreifen wir, dass unser Mobilitätspass ungültig ist (was äußerlich nicht ersichtlich war), da unbegreiflicherweise nur die Corona-Erstimpfung Berücksichtigung fand. Wir reichen also nochmals sämtliche QR-Codes der beiden Impfungen bei der Gesundheitsbehörde ein und warten. In den nächsten 4 Tagen passiert NICHTS! Ohne viel Hoffnung verbringen wir nutzlose Tage an Bord. Es regnet, es weht ein heftiger Wind und es ist kalt! Am Freitag endlich bekommen wir eine Antwort: Der Mobilitätspass des männlichen Besatzungsmitgliedes wurde abgelehnt, da angeblich kein QR-Code eingereicht wurde, während ein paar Stunden später das weibliche Besatzungsmitglied einen gültigen Pass erhält. Bei beiden Personen wurden identische Daten eingereicht. Es verstärkt sich der Gedanke, dass die Behörden uns alle verfügbaren Steine in den Weg zu rollen gedenken. Mittlerweile hat eine weitere hilfreiche Seele (Lalo) ein Treffen mit dem Hafenkapitän und schildert ihm wohl unsere Situation. Zeitgleich schalten wir jetzt die deutsche Honorarkonsulin aus Punta Arenas ein und schreiben eine Beschwerde an die Gesundheitsbehörde. Wir können nicht nachvollziehen, was nun die Angelegenheit in Bewegung brachte, aber zum Freitag-Nachmittag ändert sich das Wetter. Im realen wie im übertragenen Sinne! Wir bekommen Besuch von der Capitania, welche uns freundlich zum Einlaufen in den Hafen bittet. Der Grund ist erstaunlicherweise, dass wir mit unserem Boot den Flugverkehr des nahen Airports behindern. Wir sind glücklich, haben wir doch jetzt einen Fuß in der Tür. So schnell wird man uns jetzt nicht mehr los! In strahlendem Sonnenschein laufen wir ein und legen uns an eine freie Mooring.

Hector, unser Bekannter aus Ushuaia, legt unsere Papiere bei der Capitania vor und bringt auf dem Rückweg nochmals einen Mitarbeiter der Hafenbehörde mit, welcher uns erklärt, dass wir noch bis Sonntag Quarantäne einhalten müssen. Sollte uns Natalia (die Gesundheitsbehörde) absegnen, könnten wir dann auch einklarieren. Um das Wunder nun noch zu komplettieren, bekommt zum Abend auch der Maschinist seinen gültigen Mobilitätspass. Außerdem schickt uns Natalia erstmals eine Mail mit persönlichen Worten an die Besatzung des Segelschiffes Esmeralda. Wir schicken ihr unsere jetzt neuerdings kompletten Unterlagen zu und werden zum Antigen-Test am Montag eingeladen. Wir wissen nicht, was hier passiert ist, genießen aber einfach dieses große Glück! Unser Glück wird noch begreiflicher, als wir von den Dauerliegern erfahren, dass in den letzten Monaten alle Segler, welche Einlass begehrten, wieder weggeschickt wurden und wir somit die ersten Ausländer sind, die in Puerto Williams einreisen durften.

Der Test am Montag ist natürlich negativ und jetzt können wir das Affidavit (C19) beantragen, welches nunmehr online ohne Komplikationen möglich ist. Zwar beginnt von Seiten der Gesundheitsbehörde theoretisch nun erst unsere Quarantäne (wir müssen täglich unseren Gesundheitszustand online melden), aber Natalia gibt uns frei und wir können unsere Einklarierung in Angriff nehmen. Ach, Kinder, wie ist es nicht schön!

Puerto Williams, die südlichste „Stadt“ (Gemeinde?) der Welt, ist völlig anders als Ushuaia. Während auf der argentinischen Seite des Beagle-Kanals das Leben pulsierte, so scheinen hier die Kühe und Pferde das Regime zu führen. Selbige laufen frei durch die Ortschaft und genießen anscheinend zügellose Freiheit. Menschen dagegen sieht man kaum und wenn, dann in der Uniform der Armada, welche hier das Leben zu dominieren scheint.

Man grüßt sich freundlich auf der Straße. Schnell erkennt man Gesichter wieder; der Ort ist nicht sehr groß. Auch bei der Policia Federal kennt man uns schon. Eigentlich war schon Mittagsruhe, die nach Hause gehenden Beamten haben uns aber gesehen und kehren wieder zurück. Nach 2 Minuten Wartezeit hören wir den Stempel, welcher schwungvoll in unserem Pass landet und wir sind offiziell im Lande! Nach all den Unabwägbarkeiten der letzten Tage, Wochen und Monate ist das für uns nicht selbstverständlich!  Auch in der Capitania und beim Zoll ist alles schnell erledigt! Jetzt gilt es Chile zu entdecken.

Am Hafen bleiben wir vor dem vermutlich schönsten Vorgarten in Puerto Williams stehen. Hier kann man eine Menge Gemüse bewundern, welches sich unter diesen zumeist widrigen Bedingungen dem grauen Himmel entgegenstreckt. In diesem Moment spricht uns der Hausbesitzer an und wunderbarerweise kann er uns gleich zuordnen. Er ist Schweizer und kennt damit unseren schweizer Freund Rene, welchen wir in Ushuaia kennenlernen durften und welcher von ihm über unsere Ankunft informiert wurde. Wir vereinbaren, am Tage vor unserer Abreise noch einmal vorbeizukommen um frisches Gemüse zu erstehen.

Wir besteigen den Cerro la Bandera. Wie schön ist es, nach der langen Ruhezeit in der Quarantäne wieder die Beine zu beanspruchen. Witzigerweise muss man am Beginn des Wanderweges sich registrieren (Kollege1) und dann eine Erklärung bezüglich der Wanderroute (Kollege 2; „Über dem Weg liegende Bäume entweder überklettern oder unten durchsteigen!“) entgegennehmen. Was Kollegin 3 für eine Aufgabe hat, erschließt sich uns nicht. Es scheint so, als wenn wir die einzigen Wanderer des Tages sind und sicher gibt es da auch für sie genug zu tun. Der Wald ist wunderschön und naturbelassen, die Ausblicke über Feuerland und den Beagle-Kanal atemberaubend. Das Glück wird vollständig, als wir den Carpintero negro (Schwarzspecht) in einem Baum bei der Arbeit entdecken.

Das örtliche Museum ist einem wunderschönen Holzbau untergebracht. Es steht das Leben der Ureinwohner im Vordergrunde. Immer wieder sind wir völlig erstaunt, wie diese Menschen mehr oder minder unbekleidet hier unter diesen rauen Bedingungen überleben konnten. Beeindruckend sind auch die historischen Fotos von Gletschern der näheren Umgebung. Aus gleicher Perspektive 100 Jahre später aufgenommene Bilder zeigen den dramatischen Rückgang dieser Formationen.

So wohl wir uns hier fühlen, so nahe uns gleich so viele Menschen hier sind, im Vordergrunde steht unsere Weiterreise! Wir wollen nicht lange hier verharren, sondern die noch erträglichen „Sommer“-Temperaturen und die langen Tage für die lange Fahrt durch die patagonischen Kanäle nutzen. Bis Puerto Montt sind es ungefähr 1500 Meilen durch kaum besiedelte Natur, vorbei an Gletschern und einsamen Ankerbuchten. Einkaufsmöglichkeiten wird es nur sporadisch geben und so gilt es sich auf alles vorzubereiten. Wir versuchen, nochmals Grundnahrungsmittel und frisches Obst und Gemüse zu erstehen. Diesbezüglich ist Puerto Williams dem argentinischen Nachbarort völlig unterlegen. Frischware kommt lediglich am Sonnabend per Fähre hier an. Jetzt mitten in der Woche ist das Angebot dürftiger, aber für uns ausreichend.

Wir unterhalten uns mit kanadischen und französischen Seglern, welche unsere geplante Route teilweise schon mehrfach befahren haben und wir erhalten wertvolle Hinweise und Ratschläge! Und resultierend aus diesen Ratschlägen wollen wir nochmals unseren Dieselvorrat aufstocken. Kanister gibt es hier nicht zu kaufen. Wir fragen alle möglichen Menschen und geraten schließlich an einen Werftarbeiter im Fährhafen, welcher uns verspricht, einige dieser hier wertvollen Behältnisse zu besorgen. Zum verabredeten Treffpunkt am nächsten Tage stehen wir natürlich alleine in der Werfthalle (wir sind in Südamerika!) und gehen nach 15 Minuten wieder los. Jedoch hält irgendwo auf der Straße ein Pickup neben uns und wir können uns ein paar Kanister von der Ladefläche holen. Geld will unser neuer Freund eigentlich nicht dafür… Wunderbarerweise taucht in diesem Moment Osvaldo, ein Deutsch-Chilene, welchen wir am Tage zuvor in der einzigen geöffneten Gaststätte kennengelernt hatten, auf und bietet uns an, Einkäufe und ähnliches per Auto zum Hafen zu fahren. Großartig! Also fahren wir gleich zur Tankstelle und füllen die Kanister mit dem bald so wertvollen Diesel.

Später treffen wir uns noch einmal mit Osvaldo, welcher hier seit Jahren mit seinem Boot und Chartergästen unterwegs ist. Auch vom ihm erhalten wir nützliche Informationen zu der momentanen Wetterlage (Sturm sowohl am kommenden Mittwoch wie auch Freitag!) und den dafür besten Ankerbuchten. Abreisetag ist nun Sonntag (nicht wie geplant Sonnabend), da wir bei den derzeitigen Windverhältnissen nicht zu weit westlich geraten sollten und die günstigen Ankerbuchten nicht allzu weit entfernt sind. Mit diesem Wissen gehen wir dann am Sonnabend-Nachmittag zur Capitania und erhalten ohne Probleme unser Zarpe für die Fahrt nach Puerto Montt. Bestimmte Kanäle und bestimmte Ankerbuchten dürfen auf diesem Wege aus unbekannten Gründen nicht befahren werden, teilt uns der sehr freundlichen Beamte mit, aber wir gewinnen im Gespräch auch den Eindruck, dass man das alles auch nicht so genau nimmt. In Chile ist es Pflicht, dass man einmal am Tage seine Position per Funk oder Mail sendet, was wir natürlich versprechen zu tun! Dann verabschieden wir uns von den vielen freundlichen Menschen, die wir in so kurzer Zeit kennenlernen durften und machen das Boot startklar.