Argentinien

23. August – 12. September 2021 NECOCHEA

Etwas Lethargie legt sich wie ein grauer Schleier über das Segelboot Esmeralda und seine Besatzung.

Da wir erst im hiesigen Sommer (also November/Dezember) im „nur“ ca. 1000 Meilen entfernten Patagonien sein wollen und die Zahl der anzusteuernden Buchten bzw. Häfen auf diesem Wege recht begrenzt ist und auch das Wetter noch (?) nicht die Besatzung begeistern kann, bleiben wir noch etwas hier. Der 3 Tage anhaltende „Santa-Rosa-Sturm“ trägt auch nicht dazu bei, unsere Reiselust ins Unermessliche zu steigern. Das permanente Pfeifen im Rigg und der heftige Dauerregen (mal wieder von vorne, nicht von oben!) nervt ungemein. Wir verbringen diese Zeit mehr oder minder an Bord und sind froh, dies an einer (hoffentlich!) sicheren Mooring abwettern zu können. Erstaunlich ist, dass das Barometer zu dieser Zeit seinen derzeitigen Rekordhochstand von 1025 hPa erreicht. Auf nichts kann man sich mehr verlassen…

Aber auch diese betrüblichen Verhältnisse finden mal ein Ende und wir können uns bald wieder auf die Fahrräder setzen und unternehmen eine Radtour entlang des Rio Quequen. Wunderschön schlängelt er sich, wie es sich ja auch für Flüsse gehört, durch die Landschaft. Weite Felder bis zum Horizont und Kumuluswolken, die den Himmel interessant machen, erinnern uns an die norddeutsche Heimat.

Ziel sind dann die „Cascadas“ des Flusses. Diese fallen dann nicht so gewaltig aus, wie der Name es vermuten lässt, aber wir verbringen einen wunderbaren Tag mit sommerlichen Temperaturen in der Natur. Gemeinsam übrigens mit einigen grillbegeisterten Einheimischen, welche sich aber, im Gegensatz zu ihren brasilianischen Nachbaren, dezent und leise am Flussufer verteilen.

Ansonsten sind die Tage geprägt von den zugegebenermaßen eher banal erscheinenden täglichen „Mühen der Ebene“.

Wichtig ist es, den beiden Yachtclub-Hunden „Tito“ und „Wiehießdochgleichnochderandere?“  viel Liebe und ein paar Würstchen regelmäßig zukommen zu lassen. Große Emotionen auf der Gegenseite sind die Folge!

Wichtig ist es ebenfalls, den zweibeinigen Yachtclubmitgliedern gelegentlich ein Bier und (natürlich!) auch Zuneigung entgegenzubringen. Dies fällt uns überhaupt nicht schwer und wir verbringen viel Zeit mit den freundlichen Menschen gemeinsam am Grill und Kamin.

Außerdem versuchen wir wieder einmal die legendäre Corona-Impfung zu erhalten. Wir sind ihr schon ganz nahe, als Nestor (welcher den ganzen Tag hier an seinem Boot arbeitet und unsere Wünsche kennt) uns aufgeregt an Land winkt, uns in sein Auto verfrachtet und zum Impfzentrum fährt. Er hatte anlässlich seiner zweiten Impfung für uns beim Arzt angefragt, welcher eigentlich keine Probleme sah. Nun sitzen wir im Mehrzweckpavillon (Warten, Registrieren, Impfen), freuen uns an den ein- und ausgehenden Straßenhunden (jaja, undenkbar in Deutschland) und sehen uns schon am Ziel unserer innigsten Wünsche. Doch die Realität überholt uns auf einem Nebengleis: „El Jefe vons Ganze“ spricht ein Machtwort und erklärt, dass es an einer festen argentinischen Adresse für die beiden Delinquenten fehlt. So kann man sie nicht in die Impfliste eintragen. Nun ja. Überflüssig zu erzählen, dass weitere Bemühungen Nestors uns eine solche Adresse „zu verschaffen“ zwar viel Zeit kosteten aber wenig Erfolg einbrachten.

Nun ist unser Ehrgeiz allerdings geweckt und wir schreiben dem deutschen Botschafter in Argentinien. Sehr schnell bekommen wir eine freundliche Antwort, in welcher uns viel Erfolg beim Umschiffen der Impfwiderstände gewünscht wird. Mehr kann man jedoch nicht für uns tun. Wir sind froh, dass wir nicht mit einem wirklich vitalen Problem unsererseits den Alltag unseres Mannes in Buenos Aires stören brauchten und machen mal wieder ein Haken hinter diesem Programmpunkt.

Als wichtigen Teil unserer Mission sahen wir es immer an, die kulinarischen Gewohnheiten unserer Gastländer zu erkunden. Mit anderen Worten: Regelmäßige Kneipen- und Restaurantbesuche sind unumgänglich! Unsere Studien für den Nordteil Argentiniens brachten Erstaunliches zum Vorschein.

  1. Wenn uns ca. 19 Uhr der Hunger plagt, sitzt man in den wenigen Restaurants, die durchgehend geöffnet haben, noch bei Kaffee und Kuchen. Zumeist haben die Gaststätten erst ab 20 Uhr geöffnet und auch zu dieser Zeit ist man in der Regel noch alleine hier.
  2. Die überwiegend vegetarisch lebende Besatzung des Segelschiffes Esmeralda hatte flächendeckend gegrillte Fleischberge in den Etablissements erwartet. Jedoch findet sich auf der Speisekarte eher Fertignahrung wie Pizza und Hamburger, was dann schnell etwas Langeweile der Geschmacks-Sinnesorgane hervorruft.
  3. Wunderbarerweise hat hier (anders als in Brasilien) moderne Heiztechnik Einzug in das öffentliche Leben gehalten. Man kann sich sogar die Jacke im Restaurant ausziehen und aufwärmen. Klasse!
  4. Im Rahmen einer aufwändigen randomisierten Doppelblindstudie konnte verifiziert werden, dass das argentinische Bier doch eine Nuance besser schmeckt als das Brasilianische. Es fanden zu diesem Zwecke tatsächlich noch Restbestände brasilianischen Bieres in der Esmeralda-Bilge!

So versorgen wir uns zwischendurch wieder mit dem großartigen Gemüse des lokalen Einzelhandels und kochen oft mit Freude an Bord.

Uns schwillt ein wenig der Kamm, als uns Andres bittet, einen kleinen Vortrag vor seinen Segelschülern über unsere Reise zu halten. Und als wenn dies nicht schon reichen würde für die Steigerung unseres Selbstwertgefühles, kommt am nächsten Tage ein uns unbekanntes Paar zum Liegeplatz der Esmeralda gepaddelt und bittet um ein Interview für irgendeine Tageszeitung der Region Buenos Aires. In unserem rudimentären Spanisch gestaltet sich das Gespräch sehr lustig und wir gehen nach zwei unterhaltsamen Stunden als Freunde auseinander.

09. August – 22. August 2021, NECOCHEA

Gute Wind- und Wetterbedingungen treiben unsere Esmeralda an. Sie fliegt förmlich über die Wellen. Liegt es immer noch am pockenfreien Unterwasserschiff? Oder sind wir einfach zulange nicht mehr gesegelt? Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 6 Knoten. 525 Seemeilen schaffen wir in 4 Tagen. Nicht schlecht. Ein Törn ohne große Katastrophen. Dank unserer  -20 Grad tauglichen Schlafsäcke, selbstgestrickten Wollsocken und Mützen (großer Dank nochmal an die Geschenkegeberinnen), Wärmflasche und heißer Tee, sind wir auch nicht erfroren. Bitterkalt war es, davor hatten wir auch am meisten Angst. Jetzt aber Schluss mit dem Gejammer, wir wollten es doch so!
In der Morgensilhouette am 09. August zeigt sich Necochea. Dann die ersten argentinischen Delphine. Sie begrüßen uns freudig.
Auf dem Schiff wird es  langsam unruhig. Die Besatzung ist nervös. Hoffentlich verweist man uns nicht des Landes. Bekanntlich sind die Grenzen ja noch geschlossen und einen Plan B gibt es diesmal nicht.

Vorschriftsmäßig melden wir uns über Funk bei der Prefektura. Keine Antwort.Hört man uns denn nicht? Bei so vielen ankernden Frachtern vor der Hafeneinfahrt ist die Behörde nicht besetzt? Undenkbar. Was nun?
Einstimmig beschließen wir den Hafen auch ohne Genehmigung zu passieren. Nach kurzer Zeit meldet sich unsere Funke.
Nachdem wir die behördlichen Fragen in einem holprigen Spanisch beantworten konnten, bekommen wir die Anweisung, den Rio Quequen Grande  bis zum Yachthafen zu folgen und dort auf weitere Anweisungen zu warten.
Entspannung macht sich in unseren Gesichtern breit. Der erste Fuß ist in der Tür!

Herzlich werden wir von Mitgliedern des Clubs begrüßt. Es waren wohl schon lange keine Besucher mehr da. Einer spricht sogar deutsch. Guillermo hilft uns beim Anlegen an der Besucher-Mooring. Im Anschluß teilt er uns mit, dass wir auf die Gesundheitsbehörde warten müssen.

Rio Quequen Grande

Nach einer guten Stunde bekommen wir dann Besuch. Der gute Mann erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden, misst Fieber und erteilt uns eine 14tägige Quarantäne. Ob wir danach an Land dürfen ist ungewiss und ein Visum derzeit wohl unmöglich zu bekommen, erklärt er uns.
Trotzdem sind wir positiv gestimmt. Wir sind in Argentinien und mal sehen…

Am frühen Morgen bekommen wir Besuch von Guillermo. Er holt unsere Pässe, um sie den Behörden zu bringen. Quarantäne hat auch seine positiven Seiten. Brauchen wir uns nicht mit den Behörden auseinanderzusetzen.
Mit einer guten Nachricht kommt er am Nachmittag zurück.
Wir haben ein Visum für 3 Monate! Eine riesengroße Freude macht sich bei der Besatzung breit.

Viele werden sich sicher fragen: „Was machen die Beiden nur 14 Tage an Bord?“
Die ersten Tage haben wir den fehlenden Schlaf nachgeholt, uns um kleine Reparaturen gekümmert, aufgeräumt, viel gelesen, u.s.w..  Dann waren 9 Tage auch schon um. Unsere Seetage fallen mit in die Quarantänezeit. Das waren dann auf einmal 5 Seetage!

„Und hattet ihr genug zu Essen?“
Ja! Die Bilgen sind immer noch voll. Ausserdem wurden wir von den Mitgliedern des Yachtclubs mit Lebensmittel versorgt. Man kümmerte sich rührend um uns.


Nun ist soweit. Wir dürfen an Land. Wir sind schon sehr gespannt, was uns erwartet.
Die Stadt besteht aus zwei Teilen. Dem eigentlichen Necochea westlich des Rio Quequen Grande und dem Quequen östlich des Flusses, das früher unabhängig war, heute aber zu Necochea gehört.
Wir erkunden erst einmal den östlichen Teil, da hier auch der Yachtclub liegt. Die Runde ist schnell gemacht. Der Ort ist klein, recht ärmlich und hat keine nennenswerten Höhepunkte. In einem Supermarkt und Käseladen kaufen wir ein paar Kleinigkeiten und gehen  zurück an Bord. Am Nachmittag nehmen wir uns das eigentliche Necochea vor. Den westlichen Teil des Flusses.

Die Häuser wirken etwas verfallen und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Die Straßen sind leer. Ein kleiner Baumarkt weckt unsere Aufmerksamkeit. Wir treten ein und kommen mit einem freundlichen Verkäufer ins Gespräch. Er nimmt sich viel Zeit für uns, mag auch daran liegen, dass wir die einzigen Kunden sind. Leider hat er nicht das, was wir suchen. Er empfiehlt einen anderen Laden, bietet sogar an, uns mit dem Auto hinzufahren. Dankend lehnen wir ab. Schließlich ist es die erste Bewegung seit Tagen. Um nicht mit leeren Händen zu gehen, kaufen wir eine Gewindestange.
Leider akzeptiert der Laden keine Kartenzahlung. Bargeld haben wir noch nicht.
Die Gewindestange sollen wir trotzdem mitnehmen und später zum Bezahlen kommen.

Genau zur richtigen Zeit stoßen wir auf ein Café. Uns ist nach einer Pause. Wir treten ein und bestellen Kaffee.  An der Kasse wird uns mitgeteilt, dass unsere Karte nicht funktioniert. Die zweite Karte ist gerade nicht auffindbar. Tja und Bargeld haben wir immer noch nicht.
Für den Angestellten ist das überhaupt kein Problem. Wir sollen uns setzen. Zahlen brauchen wir nicht oder können wir später. Was für eine Freundlichkeit!
Während des Kaffeesierens wird die Sorge um die fehlende Zweitkarte dann doch größer. Am Vormittag haben wir sie noch benutzt. Zuletzt im Käseladen. Da muss sie sein.
Kurzen Zeit später betreten wir, ja richtig geraten, natürlich den Käseladen. Die ganze Belegschaft ist versammelt. Man hat uns schon erwartet, wollte gerade mit dem Yachtclub sprechen.
Dankbar nehmen wir unsere Karte in Empfang. Die Belegschaft ist glücklich und wir sehr erleichtert.
Resümee des Tages:
Quequen und Necochia haben nicht viel Sehenswertes zu bieten, dafür sind wir mal wieder umso überraschter von den Menschen. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ist für uns einfach überwältigend.

Bargeld organisiert man sich hier über „Broker“. Die haben weitaus bessere Wechselkurse. Für uns eine neue Erfahrung. Zum Glück ist Yachtclubmitglied Martin ein Broker. Somit haben wir endlich Bargeld und gehen Schulden begleichen.

Ein Abendessen entpuppt sich für uns als Desaster. Wir verzehren wohl Verdorbenes, was uns die Nacht und den darauffolgenden Tag leiden lässt. Noch nie waren wir so krank auf unserer Reise.
Unsere Lebensgeister kehren relativ schnell wieder zurück. Wir wagen einen kurzen Ausflug.
Es geht mit dem Dinghy zur Hafeneinfahrt. Dort befindet sich eine Seelöwenkolonie.
Hunderte Seelöwen tummeln sich am Strand. Es wird geheult und gebrüllt. Bedrohlich wirken die Herren und das zeigen sie uns auch mit ihrer Stimme. Die Jungtiere sind hingegen äußerst neugierig. Sie kommen hergeschwommen, tauchen unter das Dinghy und strecken dann ihre Köpfe unmittelbar neben uns aus dem Wasser. Ein ergreifendes Erlebnis.

Argentinien-Necochea-1

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Seeloewen-Necochea