Indonesien 2.0

6.3. – 29.3.26 Anambas-Inseln/Indonesien

Mit auslaufender Flut verlassen wir Kuching-Marina und da wir etwas spät dran sind, gurgelt der Stom bereits kräftig um uns herum. Der gute Wayne, unser freundlicher kanadischer Nachbar, hilft mit den Leinen und so gibt´s keine Kratzer am Esmeralda-Bauch. Schnell haben wir die 10 Meilen im Sarawak-Fluss abgearbeitet und man sieht uns an der Mündung Abschied nehmen von Kuching. Es war ein besonderer Ort. Aus vielerlei Gründen…

Auf Wiedersehen Kuching!

Wir versuchen erst einmal in Tagestörns die nächsten Ziele zu erreichen. So soll die Belastbarkeit der Crew getestet werden: Der Eine kann noch nicht so richtig und die Andere muss die Hauptbelastungen abfangen. So sind wir aber auch gezwungen, die Ankerplätze so zu nehmen, wie sie gerade erreichbar sind. Wir erleben zwei sehr unruhige Nächte ohne Wind- und Wellenschutz, freuen uns dafür über schöne Segeltage ohne Squalls und mit nur wenig Regen. Übrigens Ankern: Da war doch was? Wir berichteten über eine ständig über die Kettennuss der Ankerwinde rutschende Kette. Die Kette war neu, die Ankernuss alt; das vertrug sich anscheinend nicht. Es kam uns der Gedanke, bei Walter und Gisela in Miri nach den Maßen ihrer Kettennuss zu fragen und, oh Wunder, diese schien mit der unsrigen identisch zu sein. Wir konnten diese kaufen, wofür wir unseren Freunden in Miri sehr dankbar waren. Es gibt die Möglichkeit, Pakete per Expressbus unkompliziert von Stadt zu Stadt zu schicken. So konnten wir uns am Busterminal in Kuching eine Sendung aus Miri mit der neuen alten Kettennuss abholen. Sie passte und jetzt, beim Ankern, stellte sich heraus, dass das Problem der rutschenden Kette der Vergangenheit angehörte. Großartig!

Der Kurs der nächsten Tage ist nordwestlich, der Wind kommt aus Nordost, was eigentlich einen entspannten Halbwindkurs bedeuten müsste. Dem ist aber nicht so. Da der permanente Nordostwind einen deutlichen Südwest setzenden Strom induziert, ist der Kurs ein Hart-am-Wind-Kurs, was aber auch nicht schlimm ist. Die gute Esmeralda, die Windsteuerung und auch wir mögen diese Art zu segeln und so geht das in Ordnung.

Die erste indonesische Insel westlich von Borneo ist Serasan. Aus Malaysia kommend hofften wir hier einklarieren zu können und tuckerten mit unserem Dinghi frohgemut an Land.

Ein- und Ausklarierungsprozesse sind in jedem Land und auch von Provinz zu Provinz eines Landes oft unterschiedlich und oft unverständlich und oft nervenaufreibend. Wir haben beschlossen, dies als Teil des Abenteuers zu verstehen und dass wir uns somit nicht mehr diesbezüglich ärgern wollen.

Landgang in Serasan

Hier nun passierte Folgendes: Wie in Indonesien gefordert, hatten wir bereits online ein Visum beantragt, bezahlt und auch online bekommen. Ebenso hatten wir die nötigen Zollerklärungen online eingereicht. Am Hafen wurden wir in diesem Moment von drei uniformierten und gestikulierenden Beamten empfangen. Schnell vergrößert sich die Zahl auf 8 Beamte. Es wird in unseren reichlichen Papieren geblättert (leider haben wir uns die aus der Hand nehmen lassen), die Pässe fotografiert, mit Kollegen telefoniert und viel palavert. So vergeht die erste Stunde. Es stellt sich heraus, dass die Immigrationsbehörde hier zwar vorhanden ist, jedoch keine Einklarierung vornehmen kann, da die kleinen Klebchen mit dem QR-Code, die Indonesien statt eines Stempels in die Pässe zaubert, hier nicht vorhanden sind. Die gibt es nur im 170 Meilen entfernten Tarempa auf den Anambas-Inseln. Somit können wir hier nicht einklarieren und leider auch nicht die Insel betreten. Nun gut, damit könnte die Aktion beendet sein, wir fahren zum Boot zurück und legen demnächst mit Ziel Tarempa ab. Nein, jetzt ist der Beamtenehrgeiz erweckt: Es gilt Formulare auszufüllen, Dokumente zu kopieren usw., usf. Man bittet uns ins Hafenbüro, wo neue Kollegen auf Arbeit warten. Jetzt sind ungefähr 20 Beamte mit unserem nicht vorhandenen Fall beschäftigt. Es taucht ein höherer Kollege auf, der noch nicht ganz begriffen hat, wo das Problem ist und ein Propusk erstellen will, mit dem wir die Torwachen auf dem Wege nach Tarempa unbeschadet passieren können. Dazu müssten wir jetzt aber einklarieren und morgen früh wieder ausklarieren. Der Immigrationsbeamte erklärt, was zu erklären ist und schnell (wir atmen auf) nimmt er wieder Abstand von der Aktion. Sicherheitshalber kopiert er aus unserer Mappe (die wir leider noch nicht wieder in unseren Besitz bekommen konnten) wahllos 5-6 Papierchen (u.a. unsere bereits nicht mehr gültige auf Deutsch verfasste Versicherungserklärung). Mittlerweile ist der Immigrationsbeamte auf eine ältere Crewliste gestoßen, die noch unseren Gast Dieter aufführte. Jetzt kommt wieder Leben in die Runde! „Wo ist der dritte Mann?“ Wir erklären, was zu erklären ist! Trotzdem muss dies überprüft werden und nun wird ein Ausflug zum Segelschiff Esmeralda geplant. Mittlerweile ist die dritte Stunde unseres ungesetzlichen Aufenthaltes auf der Insel angebrochen. Jetzt wandern wir erst einmal zum Hafen zurück und mit Blick auf unser Dinghi entsteht bei den Kollegen die Vermutung, dass nicht alle unternehmungslustigen Beamten hier reinpassen werden. So gibt man uns Zeit, mit dem Dinghi vorauszufahren (und den dritten Mann zu verstecken) und die Kollegen wollen dann mit einem entsprechend großen Boot nachkommen und auf die fröhliche Suche gehen. Preise für die Gewinner wurden leider nicht vereinbart. Tatsächlich erscheint bald das Behördenschiff in der Größe eines Kanonenbootes mit Männern, Frauen und Kindern. Schnell die Fender raus, Solarmodule wegklappen, Boot auf Abstand halten… Zum Glück bleibt Esmeralda jungfräulich unbeschadet. Nun beginnt das lustige Manöverspiel! Man schaut sogar unter unsere Betten, doch wir gewinnen letztendlich: Dieter wird nicht gefunden!

Etwas unsportlich fordert trotzdem die Gegnermannschaft eine Cola von uns, was in Anbetracht, dass man uns nicht auf die Insel gelassen hat um Nachschub zu erstehen und man uns auf die Reise ins 170 sm entfernte Tarempa schickt, nicht ganz in Ordnung ist. Aber wenn es der deutsch-indonesischen Freundschaft dient… . Zum Schluss gibt es noch die übliche Fotostrecke. Fotos, Fotos, Fotos! Und ehrlicherweise muss man gestehen, dass die Kollegen immer sehr höflich waren. Aber was für eine sinnlose Aktion, die einen ganzen Vormittag Lebenszeit gekostet hat.

Besuch der indonesischen Behörden.

Am nächsten Tage ziehen wir dann weiter. Unser Navigationsprogramm schlägt uns den nördlichen Ausgang aus der Inselwelt vor, jedoch zeigen sich hier die Nachteile solch selten befahrener Gegenden: Die Karte stimmt nicht! Schnell kommen wir in Gefahr, auf Grund zu laufen und so drehen wir lieber um und verlassen die Inseln so, wie wir sie anfänglich betreten haben, auf dem südlichen Wege.

Leider durften wir Serasan nicht von der Landseite kennenlernen.

Auf der Kurslinie zu den Anambas-Inseln gäbe es noch die Möglichkeit, an zwei Inselchen zu ankern. Die erste liegt jedoch in einem entsetzlichen Schwell („Nicht schon wieder!“) und die zweite wäre erst in der Nacht erreichbar gewesen. Auch keine Option! So segeln wir also durch, was dank guter Wind- und Wetterbedingungen kein Problem für die bedingt einsatzfähige Mannschaft des Segelschiffes Esmeralda darstellt.

Die Ostseite der Anambas-Inseln erreichen wir dann allerdings erst am späten Abend des nächsten Tages bei Dunkelheit. Da das Innere der Inselwelt mit Riffen gespickt ist, entschließen wir uns, einen zwar ungeschützten, aber dafür unproblematischen Ankerplatz am östlichen Ende zu nutzen. Das klappt auch, jedoch erleben wir noch einmal eine sehr unruhige Nacht. Der Anker hält zum Glück und am Morgen sehen wir eine wilde Bucht ohne menschliches Leben. Wunderbar!

Dann geht´s los. Tarempa liegt auf der Westseite der Inselwelt und so schlängeln wir uns durch die Riffe. Da die Karte nur bedingt zu gebrauchen ist, verlassen wir uns auf die Sichtnavigation (Riffe erscheinen als helle Flecken im kristallklaren hellblauen Wasser) und die Satellitenbilder, welche in das Navigationssystem implementiert sind. Irgendwann haben wir uns heillos verfranzt im Riff-Gewirre und ein mitleidiger Fischer fährt uns 2-3 Meilen voran und bringt uns sicher wieder ins Fahrwasser nach Tarempa. Was für ein freundlicher Mann!

Tarempa

Am frühen Nachmittag fällt dann der Anker direkt vor der Hauptstadt der kleinen Inselwelt und es bleibt noch Zeit genug für den Einklarierungsprozess. Der Immigrationsbeamte ist dann sogar so nett, dass er uns noch zur Gesundheitsbehörde und zur Zollbehörde begleitet. Das hatten wir auch noch nicht!  Die Zollbeamten wollen dann noch an Bord kommen. Fotos, Fotos, Fotos und dann ist endlich alles erledigt.

Zum Abschluss genießen wir die indonesische Küche und dann geht es ins wohlverdiente Bett! Wir haben etwas Schlaf nachzuholen.

Wir nutzen dann am nächsten Tage die Möglichkeit, in Tarempa die Vorräte aufzufrischen und dann brechen wir auf in die einsame Welt der ungezählten Ankerbuchten. Schön sind sie alle! Hervorzuheben ist die wunderschöne Bucht am Temburun-Wasserfall. Hier ankert man rundherum gut geschützt vor einem Wasserfall und einem kleinen Dorf mit wieder einmal sehr freundlichen Menschen. Schnell kennt man uns im kleinen Ort und jeder Mensch strahlt uns an und wird natürlich gegrüßt. Endlich hören wir auch wieder das völlig gendergerecht genutzte „Hello Mister“. Es gilt, soviel sei hier erklärt, für einzelne oder mehrere Personen und ebenso für weibliche wie männliche Angesprochene!

Fast jeden Tag klettern wir den Wasserfall empor und baden in einem der oberen Becken. Trotz Wassermacher und Möglichkeit einer Dusche an Bord ist ein Süßwasserbad immer noch etwas sehr Besonderes.

Wir mieten uns außerdem hier ein Moped und erleben einen ereignisreichen Tag auf den wenigen Straßen der Insel und lernen hier Ferdi kennen, einen jungen Mann, welcher erstaunlich gut englisch spricht. Von ihm erfahren wir viel über das Leben in dem kleinen Dorf und wir lernen auch einen Teil seiner riesigen Familie kennen. In dem Dörfchen ist verständlicherweise fast jeder mit jedem irgendwie verwandt. Da nun auch das Ende von Ramadan mit dem lang ersehnten Fastenbrechen ansteht, werden wir von Ferdi durch das Dorf geführt und in den Häusern zum Essen eingeladen. Überall stehen Snacks und Süßigkeiten bereit und überall werden wir mit großer Freude begrüßt und auf unzähligen Fotos für die Ewigkeit gebannt. Wir sind sehr froh, so tief in diese für uns so fremde Welt eindringen zu dürfen und etwas mehr über das Leben hier zu erfahren.

Nach ein paar Tagen soll es aber weitergehen. Wir ziehen nun täglich von Ankerbucht zu Ankerbucht, erleben mehr oder minder intakte Riffe mit bunten Korallen, Fischen, Schildkröten und begegnen auch mal wieder einem Hai. Außer Kokosnüssen, die wir uns von unbewohnten Inseln holen, gibt es unterwegs nichts zu erstehen und so leben wir von dem, was sich an Nahrung im Esmeralda-Bauch so findet. Ein wirklich paradiesisches Leben. Die Anambas-Inselwelt, die anscheinend noch nicht vom Tourismus entdeckt wurde, ist einer der schönsten Plätze unserer 8-jährigen Reise, mit der Besonderheit, nur sehr spärlich von unheimlich freundlichen und zugewandten Menschen bewohnt zu sein.