01.11. – 8.11.20

Am 1.November stehen wir mit etwas ungutem Grundgefühl morgens am Schalter des Bremer Flughafens um unsere Rückreise nach Brasilien anzutreten. Wir hatten mit der brasilianischen Botschaft Kontakt aufgenommen, uns Papiere von der Marina in Jacare besorgt und alles an Verordnungen zu lesen versucht, was mit Reisen zwischen Deutschland und Brasilien in Zusammenhang steht. Braucht man nun einen Coronatest? Dürfen wir überhaupt in das Land hinein? Ganz sicher waren wir uns nicht. Wie auch die Flughafenmitarbeiterin, die spontan der Meinung war, dass wir nicht nach Brasilien dürften. Aber nach einem langen Telefonat mit wem auch immer kann es los gehen und unsere riesigen Taschen verschwinden im Imaginären. Nach ein paar Zwischenstopps sind wir morgens um 4 Uhr in Recife und auch hier gibt es wieder Diskussionen um uns an der Passkontrolle. Alle Passagiere sind schon weg und wir stehen noch einsam am Tor. Doch – jauchzet, frohlocket – auch hier öffnet sich die Schranke für uns. Um das Glück perfekt zu machen steht unser Lieblingsfahrer Bernado am Ausgang und hält ein Schild hoch („Esmeralda“). Ein toller Empfang! Mitten in der Nacht ist er in Cabedelo losgefahren um uns abzuholen.

Dann am noch immer frühen Morgen finden wir glücklich unser Boot wieder und sind zu Hause!

Auf den ersten Blick sieht alles besser aus als erwartet und wir machen uns nach einem kurzen Moment der Besinnung daran, das Boot äußerlich wieder zu einem Segelboot und innerlich zu einem Lebensraum umzugestalten. Dies braucht so seine Zeit. Beispielsweise sind die Abflüsse zugewachsen und müssen tauchend wieder freigelegt werden. Die Segel müssen aus dem Salon an den Mast, putzen, verdorbene Lebensmittel entsorgen usw. usf.

   

Dann gilt es die großen Aufgaben zu lösen! Wir setzen jetzt einmal ein größeres Interesse beim geneigten Leser an diesen Dingen voraus, da unser Mitteilungsbedarf diesbezüglich groß ist.

Die Ankerwinsch ist mal wieder unwillig. Diesmal ist es nicht nur der allbekannte Rott an den Kontakten, sondern eines der beiden Schaltrelais ist dahin. Zum Glück gibt es noch ein solches an Bord. Ein Tag vergeht mit Fehlersuche, Schaltkreisverstehen und Reparatur.

Die Windanzeige (Windstärke und -richtung) funktioniert nicht. Nach langer Suche erweist sich eine Ader des Mastkabels als zu hochohmig, was zu unplausiblen Messwerten führt. Zum Glück gibt es noch ein Ersatzkabel im Mast, welches jetzt tapfer seinen Dienst tut. Ein Tag vergeht mit Mastbesteigungen, Bootsverkleidungen abbauen etc.

Das Getriebe des Motors ist fest! Glücklicherweise nur ein mechanisches Problem und schnell lösbar.

Die Halterung des Vorstags machte ja schon bei der Atlantiküberquerung Probleme und trotz mehrerer „Reparaturen“ hat sich wieder das Befestigungsloch im relativ weichen Aluminium ausgefräst und vergrößert. Nun wollen wir über drei Fixpunkte den Mast bugwärts am Schiff befestigen, was jetzt hoffentlich DIE Lösung ist. Zum Glück fanden wir mit dem aus Deutschland stammenden und jetzt hier lebenden Christoph eine fachkundige Hilfe mit dem nötigen Spezialwerkzeug und Spezialwissen.

      

Außerdem leisten wir uns einen neuen Anker. Unser Bruce-Anker (bekannt für Probleme bei bewachsenem Grund) hat uns zwar nur zweimal bisher im Stich gelassen (das Boot slippte jeweils 10-20m durch die Gegend, zum Glück ohne Gefährdung anderer), aber da das windige Patagonien als Ziel für die nächsten Monate steht, wollen wir hier die größtmögliche Sicherheit haben. Ein lokaler Schweißbetrieb (der eigentlich eher wie eine Müllhalde aussieht) scheint mit der Herstellung des hochgelobten Bügelankers Erfahrungen zu haben und so warten wir auf die Vollendung des Objektes der Begierde.

Ja und dann muss noch das Muschelbiotop vom Rumpf entfernt werden und an allen Ecken noch irgendwas gerichtet werden.

Mit unseren Fahrrädern ziehen wir in die Stadt und kaufen großartiges Obst und die weiteren notwendigen Lebensmittel, was wegen der zu überquerenden Schnellstraße trotz des Zebrastreifens immer eine lebensbedrohende Unternehmung ist. Generell wird hier nicht angehalten.

Interessanterweise ist hier von Corona nicht viel zu spüren. Nur beim Betreten der Einkaufsmärkte wird Fieber gemessen, desinfiziert und auf Mundschutz geachtet. Ansonsten tummeln sich die Menschen auf den Straßen, Einschränkungen sind nicht erkennbar.

   

Auch Restaurantbesuche sind möglich. Unmöglich ist es nur, die Speisekarte zu verstehen. Da lernen wir nun Spanisch und verstehen in Brasilien kaum ein Wort. Hier wird sicherlich der vielseitig gebildete Leser anmerken, dass man in Brasilien nun einmal auch Portugiesisch spricht! Ja, stimmt! Jedenfalls war es sehr lustig, da wir keine Ahnung hatten, was wir bestellt hatten. War aber durchaus schmackhaft.

Wir besuchen mehrfach Brian, den englischen Inhaber der Jacare Marina. Im Frühjahr hatten wir ihm ein ausgeschlagenes Kreuzgelenk zur Reparatur übergeben. Jetzt nach einem halben Jahr ist dieses tatsächlich auffindbar, repariert, jedoch noch in seinen Einzelteilen vorliegend. Brian macht sich daran, dieses zusammenzubauen, findet aber, dass es zu viele Einzelteile sind. Nachdem dann ein Teil spurlos verschwunden ist, kann es jedoch nicht mehr zusammengefügt werden und Brian besorgt ein neues Kreuzgelenk, welches aber zu groß ist. Nun soll eine passende Buchse dafür gefertigt werden…

Fortsetzung folgt!

Wir werden also noch ein paar Tage in Jacare bleiben und dann aber hoffentlich bald südwärts ziehen.

 

09.11. – 21.11.20

 

Alles zieht sich doch noch etwas hin und so bleiben wir noch ein paar Tage in Jacare. Wir freuen uns über einige neue Bekanntschaften aus dem Reich der französischen Segler, welche doch meist recht spröde und unnahbar sind. Oder liegt das eher an den fehlenden Fremdsprachkenntnissen dieser? Jedenfalls gibt es am Abend auch mal wieder ein Treffen mit Seglern, wie wir es aus der guten alten Zeit noch kennen.

Und es gibt noch einige Treffen mit Brian. Wir haben dann nicht mehr mitgezählt. Erst war die Weite der Buchse nicht ausreichend, dann war trotz Verabredung Brian nicht da, dann war Brian da aber das Kreuzgelenk nicht auffindbar usw. Irgendwann kündigte Brian an, am Abend um 17 Uhr das Teil zu uns zu bringen. Man mag das jetzt ruhig anzweifeln, aber Brian war da (mit Kreuzgelenk). Der ca. 75-Jährige kam auf einem Fahrrad geradelt, sein Hund an einem Bindfaden befestigt, welcher permanent versucht seinem Herrchen aus Lebensfreude, schalkhaft ins Bein zu beißen. Dies kommentiert Brian ebenso spaßig mit Schimpfkanonaden. Man kann diesem Mann nicht böse sein!

Eine große Aufgabe ist auch die Organisation einer Telefonkarte um die große weite Welt des Internets nutzen zu können. Zur Aktivierung dieser braucht man in Brasilien eine Steuernummer, die wir natürlich nicht haben (wollen!). Unser Lieblingstaxifahrer Bernado kennt einen Ausweg und so klappt es dann doch mit der Kommunikation.

Hauptaufgabe für die weiteren Tage ist jedoch der neue Anker. In seinen Abmessungen natürlich nicht unserem alten Anker entsprechend, muss ein Bugbeschlag gebaut werden, damit er mit der Ankerwinsch in seinen Schlafplatz gezogen werden kann. Unser Schweißer Guiliano ist ein sehr netter Mensch, der dem schweren Metall mit beeindruckender Intensität (Riesenflex, Schneidbrenner usw.) zu Leibe rückt.

Planung und technisches Zeichnen ist eher nicht seine Stärke. Ein zertretenes Stück Pappe vom Boden der von Arbeitsabfällen flächig bedecktem Freiluftwerkstatt wird die Schablone, und so wundert es nicht, dass die daraus gefertigten Teile noch mehrfach verändert werden müssen. Da er auch laufend von anderen Menschen abgelenkt wird und er sich dann anderen Tätigkeiten hingibt, muss ein Besatzungsmitglied des Segelschiffes Esmeralda als Wachposten für Guiliano abgestellt werden, welcher ihm auf seinen Wegen folgt. So wird dann tatsächlich 2 Stunden vor dem Ablegezeitpunkt (welcher wegen der Gezeiten auch eingehalten werden musste) alles noch fertig. Der Anker sitzt perfekt in seinem Bettchen und wird dies hoffentlich auch zukünftig im Ankergrund tun!

Der Beginn einer großen Männerfreundschaft!

 

Wir haben in Jacare eine schöne Zeit gehabt: Fahrradtouren, Essen in kleinen Restaurants bzw. Strandhütten, nette Menschen überall. Trotzdem wird es jetzt Zeit weiterzuziehen.

Es muss mal wieder ausklariert werden, da wir das brasilianische Bundesland wechseln. Einen logischen Grund für diese Qual finden wir nicht. Trotzdem sitzt El Capitano eine Stunde bei der Policia Federal (ca. 20 Taxi-Minuten vom Hafen entfernt), in welcher ca. 5 Formulare bedruckt werden. Danach geht’s zum Hafenkapitän, sinnvollerweise ca. 20 min in genau anderer Richtung entfernt. Auch hier wieder lange Debatten, welche aber letztendlich mit dem Aushändigen weiterer Papierberge enden.

Am 17.11. legen wir dann um 13 Uhr ab und freuen uns auf die ca. 500 Meilen auf dem Meer. Auch Esmeralda scheint sich zu freuen. Nach dem wir uns von Kolumbien bis Jacare gegen Wind und Strom gequält haben, ist jetzt der Strom mit uns und auch der anfängliche Gegenwind dreht nach der ersten Nacht planmäßig auf nordöstliche Richtungen. Das Schiff jauchzt und reitet mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Süden. So schön war das Segeln schon lange nicht mehr! Als in der 3. Nacht doch einmal der Wind deutlich auffrischt, entscheidet sich eine schwer zählbare Menge Vögel, die Nacht lieber auf unserem unruhigen Schiff zu verbringen. In völliger Dunkelheit ist die Zahl wie auch die Art (irgendwas zwischen Möwe und Krähe) nicht auszumachen.

Es herrscht ständiger Anflug weiterer Vögel, wobei sich die Landung als schwierig und langwierig herausstellt. Neuankömmlinge werden von den bereits residenten Bordgästen mit einem Krächzen auf die hinteren Plätze verwiesen. Nach Sonnenaufgang verschwinden die Herrschaften grußlos. Der Reinigungsservice wird gerne vom Bordpersonal übernommen.

Am 21.11. fällt früh am Morgen der Anker in der Bahia de Itaparica, südlich von Salvador. Das Pferdchen wird gestreichelt und gefüttert: Nicht einmal vier Tage für diese Strecke ist doch nicht schlecht!

 

Ach übrigens: Der Anker hielt sofort. Perfekt!